
11. Juli 2008
Wer eine Freude an sich bindet,
Für den die Beschwingtheit des Lebens entschwindet;
Doch wer die Freude küsst, wo sie fliegt,
Wird vom ewigen Sonnenaufgang gewiegt.
William Blake
Wie in meinen "Schmetterlingsfrauen" angekündigt, war es dringend an der Zeit für mich, dem Krebs einmal die lange Nase zu zeigen und mich weder um die imaginäre Grenze der "Fünfjahresüberlebensrate" noch all die anderen Implikationen der Krankheit zu scheren. So tun, als ob es all das nicht gegeben hätte … Einige von meinen Gedanken können Sie in dem neuen Interview bei www.buechertitel.de nachlesen.
Andererseits habe ich viel Post von Betroffenen bekommen, über die ich mich immer sehr freue. Vor zwei Wochen habe ich über Stunden hinweg doppelt gesehen - und all die Sorgen über Metastasen im Kopf rollten wie eine Lawine über mich hinweg. Das kennen wir alle, nicht? Umso größer die Freude, als es sich am nächsten Tag wieder legte. Freude und Dankbarkeit gaben sich die Hand, und herausgekommen ist ein neues Projekt, das sich "Schreibwerkstatt für Krebskranke und ihre Angehörigen" nennt. Im Herbst werde ich in Neuwied und München wieder lesen und Kurse über die "Frauenselbsthilfe nach Krebs" und die "Bayerische Krebsgesellschaft" anbieten. Mehr dazu im nächsten Gedankensplitter. Dann verrate ich auch, warum meine Brownies seit neuestem viel besser schmecken …
31.12.2007
"Die Sonne lehrt alle Dinge die Sehnsucht nach dem Licht.
Doch es ist die Nacht, die sie zu den Sternen führt."
Khalil Gibran
All meinen Leserinnen und Lesern, allen Mitpatientinnen und -patienten ein erfüllendes neues Jahr voller glücklicher und kraftvoller Momente!
16.7.2007
Heiß ist es in München, 38 Grad sollen es heute werden… Da werden Erinnerungen wach. Genau vier Jahre sind es her, seit ich die erste Hochdosis-Chemo bekam. Die Badewanne war voller kühlem Lavendelwasser, wegen der Nervenschmerzen, und neben dem Bett standen Fencheltee, trockene Kekse, ein Tütchen Apfelbonbons gegen den allgegenwärtigen Durst…
Der große Heiler - die Zeit - hat den Erinnerungen ihre Spitze genommen. Auch das Schreiben, das In-Worte-Fassen, Darüber-Reden, hat geholfen. Unser Sprachzentrum nimmt eine wichtige Position ein bei der Verarbeitung von Traumata, der Bewältigung von Trauer.
Manchmal führt das Leben uns in enge, dunkle Schluchten. Wir wissen zwar, dass irgendwo Licht ist, können es aber nirgends erspähen. Wir suchen verzweifelt einen Weg, doch wir erkennen seine Richtung nicht, empfinden unsere Lage als ausweglos. Ich weiß nicht, wer vor vier Jahren auf mein Überleben gesetzt hätte… gewiss nicht viele. Ich ging Schritt um Schritt, und eine ganze Weile im Dunkeln. Doch wende ich mich jetzt um, erkenne ich den Weg in der Rückschau. Ich habe viel Ballast abgeworfen, größere Gelassenheit hat sich in mir breit gemacht. Und manchmal möchte ich das Leben mit all seinem Licht und Schatten einfach nur fest umarmen.
Viel Kraft Ihnen allen!
1.7.2007
Sieben Monate sind seit dem Erscheinen meines ersten Buches vergangen. Monate, in denen ich auf Lesungen Hunderten von Frauen begegnet bin, die ihre Geschichten, ihre Gefühle mit mir geteilt haben. Wenn ich Menschen begegne, die inmitten der Therapie stehen oder gar ihre Diagnose erst vor Tagen erhalten haben, trifft es mich mitten ins Herz. Ich weiß, was vor ihnen liegt - und dass sie diese Wegstrecke zu einem Teil ganz allein bewältigen müssen. Das tut weh. Doch blicke ich zurück, so weiß ich, dass mein eigener Weg mich noch näher zu mir selbst gebracht hat. Das bedeutet nicht, den Krebs willkommen zu heißen, sondern ihn in seiner Ganzheit zu betrachten und die in uns verborgene Kraft zu gewahren, die uns zu Alchimisten macht.
Gestern las ich auf dem Lebensfest der Frauenselbsthilfegruppe Neuwied. Eine Künstlerin stellte dort ihre Werke aus, Stein, mit Sinnsprüchen beschriftet.
Einen wunderbaren Stein bekam ich geschenkt, ein anderer musste auch mit, nach Hause, neben meinen Laptop. Ihn zieren drei Zeilen von Ruthmarijke Smeding, zum Nachdenken …
"Das Loch, in das ich fiel,
wurde zur Quelle,
aus der ich lebe."
28.12.2005
In Deutschland erkranken rund 10 Prozent der Frauen im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs. Zehn von hundert, eine von zehn. Etwa eine von zwanzig Frauen verliert infolge einer Chemotherapie all ihr Haar…
12.1.06
Auf der Suche nach der Ursache von Brustkrebserkrankungen müssen die Wissenschaftler noch immer passen. Zwar gibt es Parameter, die gegen eine Erkrankung sprechen, aber selbst wenn man sie gewissenhaft erfüllt, ist man nicht zwingend geschützt.
Eine Weile widmete auch ich mich der Frage nach dem Warum. Wirklich weiter kam ich erst, als ich mich aus der linearen Betrachtungsweise von Ursache und Wirkung löste. Ich reduzierte den Krebs auf einen Satz: Mein Immunsystem ist nicht in der Lage, etwas, das schädlich für mich ist, als solches zu identifizieren und es daran zu hindern, dass es wuchert.
Ich suchte nach Entsprechungen auf anderen Ebenen, nach Spiegeln ebendieses Mechanismus. Fand Menschen, Beziehungen, Situationen, die mich zuwucherten, die ich erst als schädlich erkannte, als sie mir buchstäblich die Luft abdrückten.
Vielleicht … vielleicht kann man dies ja eher ändern und dem Immunsystem so die Botschaft zuteil werden lassen, dass es lernen soll, sich gegen wuchernde Zellen zur Wehr zu setzen?
15.2.06
Noch immer und gewiss auch in der engeren Zukunft ist die Chemotherapie die Behandlungsmethode, von der sich Ärzte und Patienten am meisten Erfolg versprechen. Immer mehr Kliniken gehen dazu über, schon vor der Operation Chemotherapeutika zu verabreichen. Diese Therapie birgt immense Vorteile in sich: Charakteristisch für einen Tumor ist das Wachstum; stagniert er unter der Chemotherapie in eben seinem Wachstum oder verkleinert sich gar, zeigt sich, dass das Mittel das richtige war - auch was eventuelle Mikrometastasen angeht, die durch Blut und Lymphe ihren Weg in Knochen und Organe finden können.
Chemotherapie - für mich klang das nach Ausradieren, nicht nach Heilen. Doch ich beschloss, den sichersten Weg zu gehen, um Zeit zu gewinnen. Zeit für meine Tochter, Zeit, um zu verstehen, was da in mir und mit mir geschah.
Viele Frauen vertragen die Chemotherapie recht gut. Manche aber nicht.
Ich war in keinster Weise darauf vorbereitet, was mich persönlich erwarten sollte. Als das Taxol in meine Adern rann, visualisierte ich, wie es die schnell wachsenden Krebszellen aufstöberte und sich an sie hing, um sie am Wuchern zu hindern. Ich besorgte mir Tropfen gegen mögliche Übelkeit und nahm mir zwei Tage frei. Doch es sollte nicht ganz so leicht werden, wie ich gehofft hatte…
Zwei Nächte nach der ersten Chemo hatte ich einen Traum…
28.3.06
Vor ein paar Tagen erst musste ich wieder in die Klinik zur Nachsorge, wie alle drei Monate. Da saß eine Frau um die fünfzig, mit Krücken. Sie konnte nicht laufen, so wie ich über Tage hinweg. Auf dem Kopf trug sie ein Mützchen, die Augenbrauen und Wimpern waren ihr ausgefallen. In all ihrer Verwundbarkeit war sie mir so vertraut, doch ich erschien ihr wie ein Wesen aus einer anderen Welt, der Welt der Gesunden. Ungläubig starrte sie auf das Nachsorgeheft, das ich in Händen hielt. Und plötzlich glomm ein Funken in ihren Augen auf, sie lächelte. Auch sie konnte es schaffen! Es brauchte nur Zeit.
Während ich selbst so krank gewesen war, hatte ich mir kaum vorstellen können, jemals wieder Energie und Tatkraft zu versprühen. Doch es sollte anders kommen. Und so war diese Frau, die gleich mir da wartete, wie ein Zeichen. Sie war meine Vergangenheit, ich ihre Zukunft.
20.5.06
Die Spur meines Krebses führte in die Vergangenheit. Zum einen war mein Vater an Krebs erkrankt und vor ihm sein Bruder und der eigene Vater. Mit ihm verlor sich die Spur. Doch es gab noch eine andere.Fußabdrücke im Sand, die kleiner und kleiner wurden. Sie gehörten einem viereinhalbjährigen Mädchen namens Muriel …
20.9.06
"Irgendwas hält dich.
Doch es tut weh:
Dieses Werde und Stirb.
Dieses Blüh' und Vergeh'…"
Konstantin Wecker schrieb diese Zeilen in seinem Lied "Wieder im Leben". Als ich sie das erste Mal hörte, war ich noch mitten in den Bestrahlungen, und Schmerz und Poesie nahmen mich ganz gefangen. Es war eine sehr verletzliche Zeit; im Gegensatz zur Chemo waren die Nebenwirkungen scheinbar gering. Und doch spürte ich unterschwellig ständig dieses "Blüh' und Vergeh'", während mein Körper das bestrahlte Gewebe Tag um Tag zu heilen versuchte. Monate später fragte ich Konstantin Wecker, ob er mir den Titel des Liedes für mein geplantes Buch leihen möge, und in all seiner Großzügigkeit sagte er ja.
Vor einer Weile schrieb er auch das Vorwort zu meinem Buch, worüber ich mich unbändig gefreut habe. Sicher war es nicht leicht für ihn als Mann, sich mit dem Thema auseinander zu setzen - und ich möchte ihm auch an dieser Stelle dafür von Herzen danken!
5.12.2006
Während der Chemo, in Wartezimmern und auf Stühlen vor Untersuchungsräumen habe ich viele Frauen kennen gelernt, die an Krebs erkrankt waren. Waren… Denn Krebs ist heilbar. Auch wenn die überstandene Krankheit ihre Schatten wirft, können die meisten Frauen nach ihrer Krebstherapie wieder lachen, lieben, leben. Doch es sind wir Frauen in den Industrieländern, denen diese Art der Gnade zuteil wird. Während wir an den Nebenwirkungen der Therapie leiden, gibt es weitaus mehr Frauen auf unserem Erdball, für die eine würdige Behandlung nichts als ein ferner Hoffnungsschimmer ist, an den sie nie, niemals heranreichen werden. Mich hat der Gedanke sehr traurig gemacht, doch er hat mich auch darin unterstützt, über meinen Horizont zu blicken und mein "Jammertal" zu verlassen.
Ich hoffe, dass es bald eine Möglichkeit gibt, im Rahmen einer Patenschaft für eine erkrankte Frau etwas zurückzugeben. Bis dahin findet man z.B. "etwas andere Weihnachtsgeschenke" unter …