

Lara ging es besser, je mehr ich an Kraft gewann. Als wieder Winter wurde, spürte ich eine tiefe Dankbarkeit, noch immer am Leben zu sein. Wir holten den Schlitten aus dem Keller, und ich zog sie über verschneite Pfade und freute mich so innig an der wiederkehrenden Energie, dass ich zu zerspringen glaubte. Die kalten Füße spürte ich nicht; das Taxol hatte die kleinen Nerven geschädigt, und noch immer waren sie taub. Hin und wieder schmerzten die Beine, kribbelten, aber ich kümmerte mich nicht darum. Dazu hatte ich keine Zeit, ich wollte lieber leben. So wirbelte ich durch den Alltag, arbeitete zehn, elf Stunden am Tag und surfte in den knapp bemessenen Pausen in den Portalen der Fluggesellschaften, um einen billigen Flug nach La Palma, Madrid oder London zu finden, wo Jacobo und ich uns trafen.
Lara war gewachsen, innerlich wie äußerlich. Sie schloss mehr und mehr Freundschaften, intensive Mädchenfreundschaften mit all den kleinen, geflüsterten Geheimnissen, dem Kichern und dem Gefühl, dass die Welt doch wirklich wunderwunderschön wäre, wenn es keine Jungen gäbe.
Jacobo hatte sie mehr und mehr lieb gewonnen. Manchmal beobachtete ich die beiden und fragte mich, ob seine Hände sie auffangen würden, sollte ich früher sterben. Doch ich fragte nicht mehr so oft, ich wollte lieber selbst noch ein bisschen leben.
Natürlich war in Laras Augen eine verliebte Mutter peinlich, aber sie bot immerhin Stoff zum Tuscheln und Tratschen in der Schule. "Meine Mutter ist für zwei Tage in Spanien", sagte sie dann im morgendlichen Erzählkreis.
"Ach, ist sie dort zum Arbeiten?", fragte die Lehrerin.
"Nein, zum Knutschen."
Nur manchmal noch überfiel sie die Erinnerung an eine Mutter, die haarlos auf allen vieren zum Klo kroch und sich stundenlang erbrach. Dann weinte sie im Schlaf und träumte in starken Bildern von einer Zeit, als die Angst unser täglicher Begleiter war.

Nach Neujahr fuhren wir zu Jacobo und feierten spanisches Weihnachten. Am Vorabend des Dreikönigsfests legte Lara trockenes Brot und Milch für die Kamele auf den Balkon, während wir nach Santa Cruz fuhren, zur cavalcada.
Menschen säumten die avenidas mit den alten kanarischen Häusern und ihren dunklen Holzbalkonen. Auf den Gesichtern der Kinder lag Aufregung, in den kleinen verschwitzten Händen hielten sie ihre Wunschzettel fest umklammert. Plötzlich ertönte Musik, eine laute Kapelle marschierte voraus. Unten vom Hafen her kam das heilige Dreigespann, direkt aus dem Morgenland und hoch zu Kamel. Ihre Taschen waren voller Bonbons, die sie an die Kinder verteilten. Schwarz war das Gesicht des Mohren, und nur wer genau hinschaute, konnte eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Kameltreiber nicht verhehlen, der weit im Süden, am Vulkan San Antonio, für drei Euro Kamelritte für die Kinder anbot.
"Sieh mal, die Könige haben Turnschuhe an unter ihren Gewändern", rief Lara staunend.
"Ja", sagte Jacobo und nickte gewichtig, "sie müssen auf ihrer langen Reise ja auch viel laufen, um die Kamele zu schonen."
"Sieh mal, da hinten ist der Geschenkewagen!", rief ich. Tatsächlich, ein ganzer Kutschwagen voller bunt verpackter Geschenke bildete die Nachhut. Mit großen Augen starrten die Kinder darauf, ganz im Bann ihrer Erwartungen.
Und die Vorfreude, gepaart mit dem selbstverständlichen Vertrauen in ein Morgen mit all seinen Geschenken, wob einen ganz eigenen Zauber.
Auf dem Balkon unseres Hotelzimmers waren nur noch Krümel vom Brot zu finden, die Milch war aufgeschlabbert. Die heiligen drei Könige hatten auch Lara nicht vergessen. Selig drückte sie den kleinen weichen Tiger, der auf dem Balkon auf sie gewartet hatte, an sich und sank in den Schlaf.
"Und was wünschst du dir?", fragte ich Jacobo mit einem Lächeln.
"Ich wünschte, ich wäre dir schon früher begegnet." Er seufzte. "Viele Jahre früher."
Ich sah ihn an, schwieg. Mein Blick verlor sich in der Vergangenheit.
Manchmal spielte ich dieses Spiel, "Was wäre, wenn…". Wer wäre ich, wenn ich bekommen hätte, was ich gewollt hatte… Wenn mein Vater nicht gestorben wäre, wer wäre ich dann? Wenn meine erste Liebe nicht zerbrochen wäre, wer oder wie wäre ich dann? Wenn ich keine Fehlgeburt gehabt hätte? Wenn ich keinen Krebs bekommen hätte?
Irgendwie, so dachte ich, wäre ich weniger ich.
Jacobo strich mir über den Rücken. Jahre zuvor hätte ich ihn vielleicht nicht erkennen können. Er war eine Wurzel und keine stolze Blüte. Sein Glanz war tief innen. Vielleicht hätte ich ihn mit den Augen gesehen und nicht mit dem Herzen. Und wäre an ihm vorbeigegangen.