Muriel Simon

Zwei Schmetterlingsfrauen

Muriel Simon - Zwei Schmetterlingsfrauen

Es war schon Mittag, als Lara und ich durch eine kleine Pforte vom Schlosspark aus in den Botanischen Garten gelangten. Hohe Buchen mit silbrigen Stämmen empfingen uns wie reglose Wächter. Ich lehnte mich an einen Baum, schöpfte ein wenig Kraft. Der Rücken tat mir weh. Doch Lara zog mich zu den Gewächshäusern. Wärme schlug uns entgegen und Grün, willkommenes Grün. Hier barst alles vor Leben; Bambus spross und Farne wucherten, und die Luft war feucht und reich an Sauerstoff.

"Schau mal, Bananen!", rief Lara. "Wie auf La Palma!" Schon verschwand sie hinter einer gläsernen Tür.

Ich folgte ihr und bückte mich unter den Bananenwedeln hindurch. Ein kleines Stück Weg, dann stand ich vor einer Gruppe von Papayabäumen. Heimweh überfiel mich nach der Insel, den saftigen Pflanzen, dem Meer. Nach Jacobo, meiner neuen Liebe …

Etwas kam angeflogen, berührte beinah mein Haar. Unwillkürlich duckte ich mich - und staunte. Wir waren mitten in die Ausstellung tropischer Schmetterlinge geraten!

Stecknadelkopfgroße Eier hafteten erwartungsvoll auf Blättern. Dicke Raupen kauerten in Scharen zusammen und taten sich an dem üppigen Grün gütlich. Und erst die Falter - handtellergroß die Flügel, lautlose Segler in prächtigen Farben, andere bescheiden getarnt. Ein jeder für sich ein kleines Wunder. Ich war wie verzaubert, lächelte versonnen vor mich hin.

Lara streckte die Hand aus. Nach einer ganzen Weile landete ein Bananenfalter auf ihrem Finger; die Flügel spannten sich weit und bedeckten ihre Hand. Ein gebannter Augenblick, Zutrauen und Stille.

Unter einem Blatt sah ich einen Kokon, ein klebrig dichtes, kleines Zuhause. Ein kleines einsames Zuhause, das darauf wartete, gesprengt zu werden.

Auch ich hatte monatelang in einem kleinen klebrigen Kokon gesteckt und auf den Tag der Befreiung gewartet. Urplötzlich befiel mich Traurigkeit.

Ahnen Außenstehende, wie einsam eine Chemotherapie macht, wenn die Leukos immer weiter sinken und einem jeden Kontakt verbieten, weil Menschen nicht nur ein Quell der Nähe, sondern auch der Ansteckung sind? Wenn Übelkeit und Schwäche den Schritt vor die Tür zu einem Kraftaufwand machen und die Haarlosigkeit einen daheim hält, weil Wind an Perücken und Tüchern zerrt und man die Blicke zuweilen nicht ertragen kann? Tiere schließen kranke Artgenossen aus, meiden sie, machen einen Bogen darum. Es gibt auch Menschen, die auf Abstand gehen. Manchmal sogar Freunde.

Noch immer spürte ich sie um mich, diese festen, klebrigen Fäden. Auch wenn meine Leukos wieder gestiegen waren, die Übelkeit vergangen und die Haare gewachsen, umschlang mich die Einsamkeit meines Kokons. Und plötzlich drängte es mich, ihn zu sprengen. Der Enge zu entkommen, die Hülle abzuwerfen und aufs Neue zu schlüpfen, in verwandelter Gestalt. Die Flügel zu spreizen - und davonzufliegen.

Leseprobe 2