
Die Spur meines Krebses führte in die Vergangenheit. Zum einen war mein Vater an Krebs erkrankt und vor ihm sein Bruder und der eigene Vater. Mit ihm verlor sich die Spur. Doch es gab noch eine andere. Fußabdrücke im Sand, die kleiner und kleiner wurden. Sie gehörten einem viereinhalbjährigen Mädchen namens Muriel…
Jeden Sommer fuhr meine Familie für sechs Wochen an die Ostsee. Dann wurden Bahnkoffer gepackt mit Kleidern und Decken und Schaufeln, Orgelnoten für meine älteste Schwester und Süßigkeiten für die Reise. Mit dem Nachtzug ging es nach Neustadt. Ein Taxi holte uns ab und brachte uns in einen kleinen Ort in der Lübecker Bucht, wo wir ein windschiefes Häuschen gemietet hatten. Aufgeregt schauten wir aus dem Fenster. Wer sah als Erster das Meer?
Schon als Kind liebte ich es zu reisen. Hier an der Ostsee war alles anders als zu Hause. Der Boden unter meinen kleinen breiten Füßen klang dumpf von all den Kaninchenbauten, die sich tief unter der Grassode verbargen. Die Luft roch salzig und nach Dünen. Ein Stück hinter dem Haus lag der Oldenburger Graben. Er war ganz von Algen bewachsen und sah aus wie eine Wiese, die leise wogte. Immer hatte ich Angst, mein Ball könnte auf diese Nichtwiese rollen und auf Nimmerwiedersehen davongeschwemmt werden.
Mein Bett teilte ich mit meinem Teddy. Er hatte ein schweres Schicksal, denn ich hatte ihn im vergangenen Frühjahr an den Mandeln operiert. Seither war er nie wieder ganz gesund geworden, im Gegensatz zu meinen beiden Schwestern, die in jener Zeit mit ganz ähnlichen Beschwerden im Krankenhaus gelegen hatten. Teddy brauchte viel Trost. Er hatte schreien wollen nach der Operation, aber nur ein Brummen zustande gebracht. "Schrei, Teddy!", hatte ich gerufen und war auf ihm herumgesprungen. Danach war er für immer verstummt…
In den Dünen grasten Schafe. Das Gras am Wegrand schnitt mir in die bloßen Füße. Lieber mochte ich den weichen Sand dahinter, wo wir Quallenfallen und eine Burg um den Strandkorb bauten, in dem meine Eltern saßen und die Ruhe vor uns und den Blick auf das Meer genossen. Ich suchte weiße Herzmuscheln und formte Berge und Hügel, die ich unterhöhlte.
Die schönsten Steine fand man ein Stück weiter südlich am Strand. Da lagen gewaltige Findlinge in Wolkenfarben, in Fellbraun und Hagebuttenrot. Jedes Jahr ging mein Vater mit mir zu den Felsen, und wir maßen unsere Kraft. "Wenn wir einen von ihnen tragen können, nehmen wir ihn mit", versprach er mir. Und nie hatte er mir einen Grund gegeben, seinen Worten nicht zu trauen.
Teddy mochte die Findlinge lieber als den Strand. Der feine Sand rieb sich in seine Wunde im Hals, und das Meer konnte er gar nicht leiden, weil meine Mutter gedroht hatte, er werde in den Müll kommen, wenn die Holzwolle in seinem Innern nass und schimmelig würde. Sie kannte Teddy nicht gut. Ich wusste, dass er ein Herz hatte und keine Holzwolle. Wenn ich das Ohr ganz fest auf seine Brust legte, konnte ich es schlagen hören.
Also liefen wir zwei zu den Steinen. Ich winkte meiner Schwester Alma zu, damit sie wusste, wo ich war. Sonst würde es Ärger geben.
Teddy und ich machten Spuren in den Sand. Er hatte Plattfüße. Dann setzte ich ihn auf den fellfarbenen Findling und zeigte ihm meinen Schatz: einen toten Seestern. Er war so klein, dass er in die Mulde meiner Hand passte.
Von hinten fiel ein Schatten über mich. Ich bekam einen Schrecken. Am Ende war es Alma, die mir den Seestern klauen wollte!
Aber es war ein Mann. Ich kannte ihn nicht. Er kam mir riesenhaft vor, wie er da vor mir aufragte. Er lächelte mich an, doch etwas stimmte nicht mit dem Lächeln. Mich fror. Ich stellte mich vor Teddy und meinen Seestern, denn ich wollte nicht, dass er sie sah.
Er guckte nur mich an. Dabei fasste er an seine Badehose und kam auf mich zu. Ich bekam Angst, große Angst, wie bei einem Gewitter. Wenn es donnerte, versteckte ich mich im Bad. Dann musste ich an den Krieg denken, von dem mein Vater manchmal erzählte. Oft schrie mein Vater mitten in der Nacht, wenn er davon geträumt hatte, und ich wachte auf und weinte, so wie er. Jetzt wollte ich auch schreien, weil ich so Angst hatte, aber das war ja verboten. "Bei uns wird nicht geschrien", sagte meine Mutter immer mit drohender Stimme.
Der Mann kam näher, immer näher. Und er lächelte so gemein und rieb sich an seiner Badehose, was ich nicht verstand. Ich wollte davonrennen, so schnell ich nur konnte. Hastig wandte ich mich um, griff nach Teddy. Aber da stolperte ich, fiel hart auf den Kopf.
Schwärze, nichts als Schwärze… Sie umfing mich schützend.
Eine Weile darauf kam ich zu mir. Meine Mutter rief nach mir. Ich bekam Angst, denn sie konnte schlimm schimpfen.
Am Kopf hatte ich eine dicke Beule. Mehr weh tat die Erinnerung an den großen Mann. Ich hatte Angst, er könnte sich irgendwo verstecken. Dann sah ich seine Spuren im Sand. Er war weggelaufen.
Weinend nahm ich Teddy auf den Arm. Den kleinen Seestern konnte ich nicht finden.
"Muriel!" Jetzt hatte meine Mutter mich gesehen. Völlig außer mir lief ich auf sie zu. Aber sie war böse auf mich, weil sie mich so lange hatte suchen müssen. Ich zeigte auf meine Beule. "Daran bist du selbst schuld! Wärst du nicht weggelaufen, wäre das nicht passiert!", schimpfte sie, und ihre Augen leuchteten so grün wie das Schneidegras. "Komm jetzt! Und hör auf zu schreien!"
Ich zitterte, und mir war schlecht. Aber es war ja meine Schuld, die Beule und das mit dem Mann auch… Ich wollte nicht daran denken, denn dann bekam ich solche Angst.
Am Abend, als ich mich in meinen Schlafsack vergrub, biss ich ein Loch in Teddys Brust. Ich wollte ganz sichergehen, dass er ein Herz hatte. Ich schmeckte Holzwolle auf der Zunge.

Nie sprach ich mit meinen Eltern über jenen Tag bei den Steinen. Ich verschloss mich davor und versiegelte jede Erinnerung daran. Doch ich hatte oft Angst, wenn ich zu Hause auf der Wiese vorm Haus spielte. Dann meinte ich eine Stimme zu hören oder einen Schatten zu sehen, der von hinten über mich fiel, und ich rannte in Panik davon.
"Mann macht aua!", lautete das Programm, das sich in jenen Tagen in mir installierte. Und: "Du bist selbst schuld daran!"
Mein inneres Übersetzungsprogramm hatte es fortan leicht. Es brauchte bloß einen Satz zu können, er passte auf alle Bemerkungen, die ich zu hören bekam. Sie müssen halt überlegen, warum Sie zum zweiten Mal Krebs bekommen haben = Selbst schuld daran.
Sie müssen endlich lernen, sich gegen die Krankheit zu wehren = Selbst schuld daran.
Viele der Krebskranken, die ich im Lauf der Zeit kennen lernte, waren Meister darin, sich selbst die Schuld an allem zuzuweisen. Damit sprachen sie andere gleichermaßen frei. Nur niemandem wehtun, bloß sich selbst… Schuld wand sich um sie wie harzgetränkte Binden um Mumien, konservierte sie, und manch einer wickelte sich darin ein und wurde so zu Grabe getragen.
Schuld, was war das überhaupt? Schuld, was ist das?

© Lübbe Verlag 2006