
Noch immer und gewiss auch in der engeren Zukunft ist die Chemotherapie die Behandlungsmethode, von der sich Ärzte und Patienten am meisten Erfolg versprechen. Immer mehr Kliniken gehen dazu über, schon vor der Operation Chemotherapeutika zu verabreichen. Diese Therapie birgt immense Vorteile in sich: Charakteristisch für einen Tumor ist das Wachstum; stagniert er unter der Chemotherapie in eben seinem Wachstum oder verkleinert sich gar, zeigt sich, dass das Mittel das richtige war - auch was eventuelle Mikrometastasen angeht, die durch Blut und Lymphe ihren Weg in Knochen und Organe finden können.
Chemotherapie - für mich klang das nach Ausradieren, nicht nach Heilen. Doch ich beschloss, den sichersten Weg zu gehen, um Zeit zu gewinnen. Zeit für meine Tochter, Zeit, um zu verstehen, was da in mir und mit mir geschah.
Viele Frauen vertragen die Chemotherapie recht gut. Manche aber nicht.
Ich war in keinster Weise darauf vorbereitet, was mich persönlich erwarten sollte. Als das Taxol in meine Adern rann, visualisierte ich, wie es die schnell wachsenden Krebszellen aufstöberte und sich an sie hing, um sie am Wuchern zu hindern. Ich besorgte mir Tropfen gegen mögliche Übelkeit und nahm mir zwei Tage frei. Doch es sollte nicht ganz so leicht werden, wie ich gehofft hatte…
Zwei Nächte nach der ersten Chemo hatte ich einen Traum…
Da war ein Kornfeld… Messingfarben waren die Ähren und prall. Ein einsamer Weg teilte das Feld und verlor sich in der Ferne. Leiser Wind kam auf, schickte Wogen über das Korn wie an- und abschwellende Klänge. Eine junge Frau spazierte hindurch, sie hieß Alyscha. Ihr Haar wehte im Wind, es hatte die Farbe von Weizen. Das Gesicht wirkte versonnen, als träume sie vor sich hin.
Einzelne Büsche standen am Wegrand, sie dufteten. Und Mohnblumen, leuchtend rot, Zeugen des Sommers. Bald begrenzte Maschendraht den Weg; hier und da drängte der Wind den Mohn dagegen, Stahl quetschte die zarten Blütenblätter. Und es duftete nicht länger, denn der Weg war jetzt aus Asphalt, der in der Hitze flimmerte und teerig roch.
Alyscha schien es nicht zu stören. Ihr Gang hatte etwas Schwebendes. Sie lief los, breitete übermütig die Arme aus, als wolle sie fliegen. Als liebe sie das Leben mit seinen Versprechen von Wind und Sonne und Fruchtbarkeit.
Von hinten fiel ein Schatten über sie. Erschrocken drehte sie sich um. Sie hatte nicht gemerkt, dass sie verfolgt wurde. Zwölf Typen der übelsten Sorte, die Münder verzerrt und die Gesichter gerötet vor Brutalität. Lässig schlossen sie zu ihr auf.
Alyschas Miene gefror. Dann lief sie kopflos davon.
Die Männer verhöhnten sie, gaben ihr Vorsprung. Sie rannte, schöpfte Hoffnung. Ein Stück weiter stand eine Mühle. Wenn sie schnell war, könnte sie sie erreichen, dort würde man ihr helfen! Und Alyscha rannte und rannte…
Die Männer folgten ihr in einigem Abstand. Sie stanken nach Schweiß und Lust an der Jagd. Alyscha war schnell, aber mit jedem Schritt sanken ihre bloßen Füße tiefer in den Asphalt, der weich geworden war in der Hitze. Bald umschloss er sie wie Fußangeln das Wild.
Verzweifelt kämpfte sie sich vorwärts. Sie hatte doch nur ein wenig durch die Felder spazieren und träumen wollen. Und fliegen, in Gedanken…
Ranken von Brombeer brachten Alyscha zum Straucheln.
Der erste Verfolger schloss zu ihr auf. Sie rappelte sich hoch. Dornige Fesseln legten sich um ihre Fußgelenke. Sie war gezwungen zu verharren, steckte gefangen in beißendem Asphalt, während sie doch rennen, rennen, RENNEN wollte.
Gierig sah er sie an. "Ich treibe dir das Böse aus!", zischte er und holte zum Schlag aus. Seine Rechte steckte in einem Boxhandschuh. Reste von Erbrochenem hafteten daran. Rissig war das Leder und speckig, wie das Leder einer alten Couch. Jener Couch, auf der Alyscha als Kind vergewaltigt werden sollte.
Und er drosch ihr in den Magen und dann auf den Kopf. Einmal, zweimal, unerbittlich. Er brachte ihr Dumpfheit, dröhnende Dumpfheit, und erstickte all die Fröhlichkeit in Alyscha. Als er von ihr abließ, konnte sie nicht mehr rennen. Sie schleppte sich dahin. Und Alyscha war nicht länger Alyscha.
Sie war ich.
Schweißgebadet wachte ich auf. Ich hatte geträumt - und doch nicht. Die Dumpfheit war geblieben. Sie sollte fortan mein Begleiter sein. Ich kroch ins Bad und übergab mich.

© Lübbe Verlag 2006