Muriel Simon

In Deutschland erkranken rund 10 Prozent der Frauen im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs. Zehn von hundert, eine von zehn. Etwa eine von zwanzig Frauen verliert infolge einer Chemotherapie all ihr Haar…

 

Leseprobe

Wind im Haar

Nie zuvor hatte ich meine Haare gemocht. Nun, sie waren hell, aber doch einen Ton zu dunkel, um blond zu sein, viel zu fein und überdies schnurgerade. Nie zuvor hatte ich meine Haare gemocht oder gar geliebt… so geliebt wie in diesen Tagen, in denen ihr Verlust bevorstand.

Mein erster Gedanke nach der Diagnose war gewesen, nicht mehr aus dem Haus zu gehen. Lebensmittel konnte man sich liefern lassen, und dank eMail war es mir möglich, auch von zu Hause aus zu arbeiten. Die drohende Einsamkeit schnürte mir Kehle und Luft ab, aber ich wusste mir keine Lösung. Eine Perücke würde bei meiner Frisur auf Anhieb jeder als solche erkennen. Blicke Fremder würden auf mich einstürzen, abschätzend, aburteilend. Getuschelte Worte hinter meinem Rücken, gerade noch so dicht hinter mir, dass ich Fetzen davon würde hören können. Schlimmer noch das Mitleid, der Mangel an Geheimnis… Dunkel entsann ich mich an die Indianerperücke, die ich als Kind zu Fasching getragen hatte, blauschwarz mit langen Zöpfen. In einem Anflug von Fatalismus fielen mir die neonfarbenen Lockenköpfe ein, die das Kaufhaus um die Ecke für närrische Zeiten anbot… Doch der Stachel saß zu tief, als dass ich wirklich darüber hätte lachen können.

Etwa zehn Tage nach der ersten Chemotherapie bemerkte ich, wie die Haare stumpf wurden. Ich schaltete Herz und Hirn aus. Vereinbarte einen Termin in einem der Salons, die von der Klinik empfohlen worden waren. Mir graute davor, wie ich aussehen würde, wie hässlich, weil fremd mir selbst gegenüber und denen, die mir lieb und teuer waren.

Der Weg dorthin war schwer. Zweimal ging ich an dem Laden vorbei, beim dritten Anlauf trat ich ein. Es war, als hätte mein Geist wiederum ein Stückchen Realität erobert. Du hast Krebs, das gehört dazu. Bewahre deine Würde, nimm es an, raunte er. Ich reckte das Kinn, hielt Ausschau nach der Friseur-(Perücken?-)Meisterin. Sie schnitt gerade einem gut aussehenden Mann in den besten Jahren die Haare. Ich schluckte.

"Ach, Sie kommen wegen der Perücke!", schallte es durch den Laden. "Gehen Sie doch schon mal nach hinten durch!"

An diesem Abend, meine Tochter schlief bereits, brach ich zusammen. Was die Angst, das gottlose Erbrechen und die tagelangen Schmerzen in den Gliedern nicht geschafft hatten, war nun nicht mehr aufzuhalten. Ich sank auf den Boden meines kleinen, dunklen Flurs und heulte mir die Seele aus dem Leib. Irgendwann spürte ich eine kühle kleine Hand auf der Schulter.

"Mama… warum weinst du so?" Lara rieb sich verschlafen die Augen.

"Ich bin so traurig, weil ich bald keine Haare mehr habe", sagte ich leise. Stille folgte.

"Ich komm gleich wieder, warte hier!"

Als hätte ich aufstehen können. Eine ganze Weile darauf kam Lara zurück, zwei regenbogenfarbene Bänder in der Hand, auf die sie bunte Perlen gezogen hatte. "Schau mal. Ich hab dir Ohrringe gebastelt. Wenn du wieder traurig bist, dann ziehst du sie an."

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In den Southdowns

In den Southdowns

Eine Woche später fuhren wir nach England. Im Jahr zuvor hatte ich die schlichte Schönheit der Southdowns lieben gelernt. Häuser aus dunklem Klinker ducken sich längs der Gleise; zwischen den kleinen Eisenbahnstationen erstrecken sich Wiesen und Auen in sattem Grün. Eine Idylle, wenn auch eine trügerische. Ab und an bricht die Erde auf, und unter der Grassode liegt der brüchige Kalk. Nicht weit von hier hat Virginia Woolf Selbstmord begangen.

Wir wohnten in einem viktorianischen Hotel an der Promenade Eastbournes. Drei Meter hoch waren die Wände, und sogar vom Bad aus konnte man das Meer sehen, grau und weit. Unter uns lag der Bandstand; eine schnittige Blaskapelle spielte Evergreens, laut, unerbittlich. Paare zwischen siebzig und achtzig fanden sich und tanzten dazu. Das versöhnte mich mit den blechernen Klängen.

Am ersten Abend, als Lara schon schlief, fasste ich in mein Haar. Es ging büschelweise aus. Stunden verbrachte ich vor dem Spiegel, wie gebannt, böse gebannt, ständig die gleiche Bewegung vollführend. Durch das Haar fahren, eine ganze Hand voll Haare, weg damit ins Klo. Durch das Haar fahren, wieder eine ganze Hand voll Haare, wieder weg damit, weg ins Klo. Draußen auf der Promenade kämpfte die Trompete mit den hohen Tönen. Und ich fuhr durch meine Haare, wieder und wieder, bis eine fahle Stimme in mir beschloss, dass es Zeit sei, das Licht zu löschen und mich schlafen zu legen.

Am nächsten Morgen rupfte ich weiter.

Ich musste ein Kopftuch beim Frühstück tragen. Balinesische Blumen, braun, auf beigefarbenem Grund.

Beachy Head

Beachy Head

Später wanderten wir zu den Kalksteinfelsen, ein halber Kilometer, vielleicht auch ein oder zwei. Es war ein weiter Weg. In meinem Mund war der beißende Geschmack, den ich seit der ersten Chemo verspürte. Und ich hatte Durst, solchen Durst, den kein Wasser zu löschen vermochte. Doch wie glücklich war ich, als wir die Klippen erreichten. Weiß und brüchig ragten sie vor uns auf, mit duftender Heide bewachsen, Heimstatt wilder Hasen und Vögel.

Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Ich zog mein Tuch vom Kopf und ließ noch einmal den Wind durch meine spärlichen Haare wehen. Welch ein Gefühl. Und wie sollte ich es vermissen.

In einer Felsnische verbarg ich eine Strähne meines Haars, legte einen Stein und eine abgebrochene Blume darauf. Vielleicht würde sich ja einer der Seevögel im nächsten Frühjahr ein Nest daraus bauen.

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Auf der Mole

Auf der Mole

Die Perücke bestellte ich ab und legte mir stattdessen eine Sammlung von Tüchern und Hüten zu. Ich lernte erhobenen Hauptes durch die Straßen zu gehen, bei kritischen oder ablehnenden Blicken das Kinn zu recken. Ich lernte auch, wie kalt es ist ohne Haare, und schlief fortan mit dem Kopf unter der Bettdecke.

In England, bei den Kalksteinfelsen, hatte ich mich verabschiedet von meinem Haar, nun traten die anderen Themen wieder in den Vordergrund. Die Frage, ob ich Eastbourne je wieder sehen würde, hatte mehr Gewicht als die Sehnsucht nach äußerlicher Unversehrtheit. Der nächste Chemozyklus stand an. Am Abend davor regelte ich offene Angelegenheiten, unsicher, ob mein Körper es schaffen würde.

Ich erbrach mich viereinhalb Tage lang. Die Schmerzen in den Gliedern kehrten wieder; am dritten und vierten Tag knickten meine Knie weg, und ich konnte nur auf allen vieren durch die Wohnung kriechen.

Meine Schwester hatte Lara zu sich genommen. Es tat unsäglich weh, sich nicht um sie kümmern zu können. Doch ich war froh, dass sie all dies nicht mitbekam. Wir telefonierten abends und morgens und manchmal auch nachmittags; ich erfand Geschichten für sie von fliegenden Einhörnern und Rittern und Burgen, an denen sie sich noch immer festhält.

Nach einer Woche war das Schlimmste überstanden. Ich aß die köstlichste Semmel meines Lebens, auch wenn sie beißend schmeckte. Sämtliche Schleimhäute brannten, aber draußen … draußen roch es nach Spätsommer. Auf den Wiesen unterm Haus lag das trockene, viel zu früh abgeworfene Laub. Die Bäume waren voller Durst, aber sie lebten. Nie zuvor war ich dem Gefühl des Lebens um mich herum so nah gewesen. Reines, unverfälschtes Leben. Diese Kraft! Zwei Wochen blieben mir bis zur nächsten Chemo. Ich fühlte mich reich. Zwei Wochen dieses Leben spüren!

Dabei war ich so schwach. Ich wohnte im vierten Stock ohne Aufzug. Der Briefkasten war mein Basislager, der wöchentliche Gang zum Labor eine stramme Strecke und der Weg zurück in meine Wohnung Nanga Parbat.

Vielleicht hätte ich die stramme Strecke ausfallen lassen sollen. Die Blutwerte waren mehr als bescheiden, drei Tage später hatte ich hohes Fieber, bekam die erste Lungenentzündung. Ich lernte einmal mehr, dass unser Leben aus Augenblicken besteht, von denen manche kraftvoll und gut und glücklich sind.

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Sitges

Sitges

Die Ohrringe meiner Tochter im Gepäck, fuhr ich mit Lara zwei Chemozyklen später für drei Tage nach Spanien, um dringend benötigte Kraft zu schöpfen. In den Straßen von Sitges kannte keiner meine Geschichte; die Sonne brannte Anfang Oktober noch so warm, dass das Tuch um meinen Kopf nicht weiter auffiel. Ich sog die Schönheit der Jugendstilbauten in mich auf, die Nähe des Meeres, die sanfte Idylle der Hand in Hand schlendernden Männerpärchen. Abends schauten wir durch ein Teleskop auf der Promenade den Mond an. Er war so nah, dass ich kein Heimweh mehr nach den Sternen verspürte. Tags darauf sammelten wir Muscheln, eine jede so groß wie die Schleckmuscheln aus meiner Kindheit.

Wind kam auf. Ich sah fremde Haare fliegen, zausende Liebkosungen, zerrende Böen. Wie vermisste ich dieses Spiel in meinem Haar.

"Ich will ins Meer!", rief Lara.

Wir tobten in den Wellen, so weit meine bescheidene Kraft reichte. Wie glücklich ich hier bin, dachte ich, und genoss das Gefühl, mich den Elementen hinzugeben. Bis eine Welle kam, mich nach unten zog und mir das Tuch vom Kopf riss.

Ach, ich schämte mich so! Unverkennbar eine Frau im Badeanzug, doch ohne Haare auf dem Kopf, so schutzlos, so…hässlich. Wie versteinert ließ ich mich auf eine Sandbank nieder, den Blick auf den Horizont gerichtet. Auf meine starre Bitte hin holte Lara mir ein Handtuch, das ich mir hektisch um den Kopf schlang. Wie schämte ich mich! Ich glaube nicht, dass ich weinte. Es war sicher nur die Gischt, diese salzige Feuchte in meinem Gesicht.

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Damals wusste ich noch nicht, dass ich wenig später meine Augenbrauen und dann meine Wimpern verlieren würde. Ein Mensch ohne Wimpern sieht sehr fremd aus, andersartig, krank. Nach Krebs.

Ich wusste auch noch nicht, dass ein Großteil des Schmerzes, den man begleitend zu seiner Krankheit erfährt, von Mitmenschen verursacht wird.

 

© Lübbe Verlag 2006